Chaotische Realität
Wir haben eine chaotische Realität. Die Herausforderungen in den Führungsetagen sind heute enorm: Unsere immer weniger planbare Arbeitswelt, Misserfolge, Erfolgsdruck, tiefgreifende Veränderungen von außen wie Kriege und Krankheiten etc., hinterlassen eine breite Spur der Unsicherheit. Angefangen beim Vorstand, Top-Management und quer durch alle Hierarchien.
„Wie soll man unter solchen Bedingungen ‚richtig‘ entscheiden und führen?“, dass fragen sich wohl die meisten Führungskräfte. Sich einfach auf diese unbekannten Größen einlassen, ohne alles planen zu können? Risiken eingehen? Frei nach dem Motto: „Hinterher weiß man immer mehr“?
Alles unter Kontrolle?
Das fällt den meisten Menschen, Führungskräften wie MitarbeiterInnen schwer. Denn wir haben nicht das geeignete Selbstbild, um mit diesen Herausforderungen offensiv umzugehen. Wir neigen eher zu defensiven Herangehensweisen: alles muss durchstrukturiert werden, muss kontrollierbar sein, alle Szenarien vorweggenommen werden. Nichtplanbarkeit können wir nur schwer akzeptieren, es verunsichert uns komplett. Planbar, am besten perfekt. So hätten wir es gerne!
Das dynamische Selbstbild
Das Selbstbild, dass wir brauchen, um zukunftsfähig zu sein, ist das dynamische Selbstbild (Carol Dweck, Selbstbild, 2017). Dieses Selbstbild geht davon aus, dass unsere „Grundeigenschaft durch eigene Anstrengungen weiterentwickelt“ werden können, so Dweck. Wir können uns stets durch Einsatzbereitschaft und Erfahrungen verändern und entwickeln. Ein Growth-Mindset entwickeln (Dweck). Denn dieses Selbstbild weckt in uns die Lernbegeisterung, so dass wir sagen: „Das wird jetzt schwer. Da habe ich Bock drauf. Lass uns loslegen“. Wenn wir so vorgehen, nutzen wir ein Geschenk, dass uns in die Wiege gelegt wurde und ein echtes future skill ist: unsere Vorstellungskraft.
„Warum nur die ausgetretenen Pfade gehen statt solche, mit denen wir unsere Grenzen überwinden? Die Leidenschaft, Grenzen zu überwinden, auch dann noch, wenn nicht alles nach Plan läuft, ist das Zeichen eines dynamischen Selbstbildes. Diese Grundeinstellung ermöglicht es Menschen, sich gerade dann weiterzuentwickeln, wenn sie vor großen Herausforderungen stehen.“ (Carol Dweck, Selbstbild, 2017)
Ist das ein Selbstläufer?
Selbstverständlich nicht. Denn dabei passieren natürlich auch Fehler oder es entstehen Sackgassen. Man fällt auch mal auf die Nase. Aber wie heißt es so schön: „Aufstehen, Krönchen richten, weiter machen.“ Unsere Vorstellungskraft, verbunden mit dem dynamischen Selbstbild, bedeutet, dass wir besser in der Lage sind, uns in der VUCA und BANI-Arbeitswelt auf Unvorhergesehenes und Ungewissheiten einzulassen. Wir können sie als Herausforderung annehmen und dabei werden wir – und das ist entscheidend – nicht handlungsunfähig.
Selbstbild und Führung
Carol Dweck zitiert in ihrem Buch Jim Collins, der fünf Jahre lang eine Studie durchgeführt hat und in seinem Buch Der Weg zu den Besten zu der Erkenntnis kommt, dass entscheidend in jedem einzelnen Fall die Führungspersönlichkeit war, die das Unternehmen zum Erfolg führte. „Dabei handelte es sich nicht etwa um überlebensgroße, charismatische Führer, die immer und überall ihr Ego und Talent zur Schau stellten. Im Gegenteil, es handelte sich um unauffällige Menschen, die unaufhörlich Fragen stellten und auch die brutalsten Antworten aushielten – Menschen, die auch ihren eigenen Misserfolgen ins Auge sehen konnten und sich Zuversicht bewahrten, dass sie am Ende Erfolg haben würden.“
Erfolgreiche Führungskräfte mit einem dynamischen Selbstbild glauben daran, dass sie selbst und ihre Mitarbeitenden sich immer weiterentwickeln können. Sie müssen weder beweisen, dass sie besser sind als andere, noch leben sie ein „Oben sticht Unten“. Sie schmücken sich auch nicht mit fremden Federn und suchen bei Fehlern keinen Sündenbock.
Das statische Selbstbild
Denn genau das wären die Ergebnisse eines statischen Selbstbildes, dass Carol Dweck als das Selbstbild bezeichnet, dass ein Fixed Mindset zum Ausdruck bringt. Mit einem statischen Selbstbild glauben wir, dass unsere Eigenschaften in Stein gemeißelt sind und wenn wir erst einmal gelernt haben, dass nur unser intelligentes Auftreten zählt, unser Talent, das nur bestimmte Ergebnisse zählen etc., dann lernen wir sehr früh, uns selbst zu bewerten. Und wir brauchen unsere ganze Energie, um zu beweisen, dass wir einen guten Platz in dieser Welt verdient haben. Gleichzeitig werden damit Angst und Selbstzweifel herangezüchtet, denn ich frage mich mit einem solchen Selbstbild stets, ob meine Intelligenz und meine Kompetenzen ausreichen, ob ich als Gewinner oder Verlierer aus einer Sache hervorgehe, ob ich klug oder dumm rüberkomme. Alles nicht geeignet, um Neugierde und echte Lernbereitschaft zu entwickeln.
Nicht neu, aber unbewusst
OK, eigentlich wissen wir diese Dinge schon lange. Und die neuen Erkenntnisse
z. B. der positiven Psychologie, Neurobiologie, Logotherapie und Existenzanalyse etc., erzählen uns schon einige Zeit, dass wir uns bis zum letzten Atemzug entwickeln können. Und dass wir ein stärkendes, wohlwollendes und bewertungsfreies Umfeld für unsere Entwicklung brauchen. Das dynamische Selbstbild ist in uns angelegt.
Nur, die meisten Menschen wachsen mit einem statischen Selbstbild auf und es ist uns nicht bewusst. Wenn es unbewusst bleibt, können wir es nicht aktiv verändern und es wird uns damit weiterhin schwerfallen, uns auf uns auf Ungewissheit einzulassen. Genau das ist aber Aufgabe Nr.1 für den individuellen als auch für den unternehmerischen Erfolg.
Ausprobieren, trainieren, testen
Damit Führungskräfte in der Lage sind, Räume zu schaffen, in denen ohne Angst ausprobiert, getestet und noch mal getestet wird, in denen improvisiert und situativ gedacht wird, müssen sie sich zunächst selbst fragen:
- Bin ich trainiert worden, mich auf Ungewissheit einzulassen?
- Habe ich gelernt alte Vorstellungen und Vorgehensweisen in Frage zu stellen?
- Habe ich gelernt mit Widerständen, bürokratischen und hierarchischen Hürden umzugehen und eine entsprechende Ausdauer zu entwickeln?
- Habe ich gelernt, mich von altem Ballast zu befreien und ohne Schranken im Kopf meine Führung zu gestalten?
Wie oft antwortest du auf diese Fragen mit „Ja“?
Ein dynamisches Selbstbild ist ausschlaggebend für die Vorbildfunktion von Führungskräften. Die Vorbildfunktion der Unternehmensleitung existenziell. Die Art und Weise wie Manger und Führungskräfte ihre MitarbeiterInnen behandeln, bestimmt weitgehend deren Leistung.
Also worauf warten?
Für ein SELBSTstudium mit Fokus auf Mindset-Entwicklung in Richtung Growth Mindset ist es nie zu spät, aber auch nie zu früh.
Denn nur dann kann ich die Eigenschaften weiterentwickeln, die in diesen wilden Zeiten gebraucht werden, z. B. Belastbarkeit, Resilienz, Empathie, Intuition. Sich der eigenen Gedanken und Skills bewusst zu werden, ist intensive Arbeit. Schließlich werden einem dabei auch so manche Schwächen bewusst. Aber darum geht es, all diese Fähigkeiten und Erfahrungen in die eigene Führung zu integrieren und aus ihnen Kraft zu schöpfen. Glaubwürdigkeit und Charisma sind unverzichtbar, wenn ich meine MitarbeiterInnen in ihrem Selbstwert stärken will. Und um der Vielfalt gerecht zu werden braucht es auch eine große Portion Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln und nicht nur in schwarz-weiß-Kategorien zu denken.
Und Mut. Den braucht man, um in Zeiten der Ungewissheit Dinge anzuschieben und Neues auszuprobieren. Für die eigene Meinung einzustehen und dranzubleiben. Unbequemes anzusprechen und auszuprobieren.
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